Shamo

(Japanische Kämpfer)

Japan, das Reich der aufgehenden Sonne mit seinen mehr als 5000 Inseln, ist ein gebirgiges Land mit vielen, kaum erloschenen Feuerbergen und ausgedehnten Landstrichen, die häufig unfruchtbare Lavadecken überziehen. In diesem Land werden seit Jahrhunderten gediegene Geflügelrassen gezüchtet. Denken wir nun an die grotesken Chabo, an die vielen Rassen, der Langschwanzhühner und an die große Familie der urigen Kämpferrassen.

„Kämpfer“ und „Zwerg-Kämpfer“ sind Sammelbegriffe in den deutschsprachigen Ländern für verschiedene Rassen. „Shamo“ ist ein Sammelbegriff für Kämpfer der verschiedenen Arten in Japan, vom großen Dai Shamo – ein Verwandter unserer Malaien, der bei uns als einzige japanische Kämpferrasse den Namen „Shamo“ führt – bis hin zum wesentlich kleineren und anders aussehenden Yamato Shamo.

Die erste Berührung mit den Europäern erfolgte 1543, als Portugiesen einige Handelskontore in Japan einrichteten. Unter der Herrschaft der Tokugawa-Shogune von 1603 bis 1867 wurden die Christen verfolgt, alle Fremden vertrieben und Japan nach außen abgeschlossen. Erst nach langsamer Öffnung der Handelstore ab 1860 erfuhr die Welt wieder etwas mehr von Japan und – nicht zuallerletzt – von seiner Geflügelzucht. 

Über die Entstehung der Kämpferrassen in Japan ist wenig bekannt. Doch soll es durch Gegenstände aus der Haniwa-Kultur erwiesen sein, dass es vor 3000 Jahren in Japan Hühner gegeben hat. Ein sehr bemerkenswertes Referat hielt der Japaner H. Oana auf dem 10. Geflügelweltkongress 1954 in Edinburgh/Schottland. Ihm war zu entnehmen, dass die Einfuhr von Kampfhühnern in Japan Anfang des Heian-Zeitabschnitts (794 – 1186) erfolgte und dass in Kyoto Hahnenkämpfe sehr beliebt waren. So wurden aus China die Changkuo-Hühner eingeführt, eine Kampfhuhnrasse, die dem Landhuhntyp ähnlich war, sehr lange Sattel- und Schwanzfedern hatte und sich durch ihren langen Krähruf auszeichnete. Aber auch aus Siam, dem heutigen Thailand, wurden bereits im 16. Jahrhundert Kampfhuhnrassen nach Japan importiert. Man nimmt aber an, dass diese Siamesischen Kämpfer ihren Ursprung in der heutigen Federation Malaysia hatten. Der Hahnenkampf war in Japan sehr beliebt und ist und ist am japanischen Hof entstanden.  Er wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Amerikaner verboten.

Die erste Einfuhr von Shamos nach Deutschland geschah durch die Tochter des Japan-Forschers Ph. F. von Siebold, Baronin von Ulm-Erbach. In Hugo du Rois „Geflügelzeitung“ aus dem Jahre 1891 berichtet sie über die Shamo-Hühner Folgendes:

„Im Jahre 1884 erhielt ich aus dem Sonnenaufgangsland wieder eine neue Bereicherung meines Geflügelhofes: Chamos, gerade das Gegenstück zu den zierlichen Chabos. Die Chamos wurden von den Japanern zu den von ihnen zur Volksbelustigung beliebten Hahnenkämpfe benutzt. Wegen der fast aufrechten Haltung und ihres kräftigen Körpers sehen sie unseren Malaien ähnlich. Wegen ihres streitsüchtigen Charakters eignen sie sich ausgezeichnet für den Hahnenkampf. Sie bilden eine Zierde meines Geflügelhofes und fühlen sich im rauhen Schwabenlande heimisch.“

Jahrzehntelang verschwinden sie dann wieder aus der europäischen Züchterwelt. Erst im Jahr 1937 erfährt man wieder etwas von den Shamo. Der japanische Baron Mitsui teilt dem Grafen Welczeck, Laband/Schlesien, in einem Schreiben mit: „Die Shamo werden in Japan entweder als Kampf- oder als Fleischhühner gezüchtet. Man legt daher bei ihnen auf die Besserung und Bestimmtheit der Farbe keinen großen Wert. Schwarze Shamo mit rotem Behang (Weizenfarbige) sind am häufigsten, die silberhalsigen und dreifarbigen sind entzückend, doch schwer zu haben.“

Der große Durchbruch der Shamo in Deutschland kam aber erst ab den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Lorenz Hagenbeck erwarb vom Tokioter Tierpark die ersten Tiere seit der Zeit von Baronin von Ulm-Erbach. 1954 standen die ersten Shamo auf der Nationalen in Hamburg. Sie wurden von den Betrachtern zum Teil als urige Malaien angesehen. Nach dem Tode des großen Zoologen Hagenbeck gingen die meisten Tiere in den Besitz von R. W. Perzlmayer über. Als Perzlmayer die ersten Tiere aus dem Transportbehälter nahm, stellt er fest, wie sehr seine Malaien an Urigkeit verloren hatten.

Die Einkreuzung der Shamo in den Malaien-Stamm von Perzlmayer muss wie ein Wunder gewirkt haben. Die Erbmasse der Shamo erbrachte vor allen Dingen mehr an Größe, Gewicht, Knochenstärke und bessere Kopfpunkte; verloren gingen demgegenüber die Rückenkurve und die Beinlänge.

Der Freundekreis unserer Shamo in Europa hat in der heutigen Zeit vor allen Dingen Züchtern von Schrot und Korn und großen Idealisten wie A. W. van Wulften-Palthe, Wierden/Holland, und Horst W. Schmudde, USA, viel zu verdanken. Diese Züchter ließen auch die Kontakte zum Mutterland der Shamo nie abreißen. Viele Abhandlungen und auch Übersetzungen von japanischen Züchtern in unserer Fachpresse kamen aus ihrer Feder. Nicht unerwähnt bleiben sollen die großartigen Geflügelfachbücher des Japaners Shichiro Koyama.

Wie sollen unsere Shamo aussehen? Sie kommen rein äußerlich den Malaien am nächsten. Man kann auch sagen, es sind erbskämmige Malaien mit weniger ausgeprägten Kurven, ja die Dreibogenlinie der Malaien ließe unsere Shamo untypisch erscheinen. Ihre Haltung ist steil aufgerichtet und erinnert fast an die Indische Laufente. Durch diese Haltung und den sehr langen Hals, der in kühnem Bogen getragen wird und im Behang sehr kurz ist, erreicht der Shamo fast die Scheitelhöhe des Malaien, obwohl seine Schenkel und Läufe gegenüber denen des Malaien nur etwas über halblang sind. Im Gegensatz zu den Malaien sind diese Merkmale also sofort zu erkennen. Auf dem Hals des Shamo sitzt ein düsterer, von Entschlossenheit besonders eindrucksvoller, Respekt einflößender, edler Kämpfer-Kopf, der an den Asil erinnert.

Unter dem breiten Schädeldach mit den vorgewölbten Augenbrauenwülsten blitzt das typische helle Perlauge; die markant abgezeichneten Kaumuskeln verraten, dass der Shamo ein gefürchteter Beißer ist. Die vom Malaien her bekannte Kehlhaut zieht sich am Halse lang hin; die Kehllappen sind nur leicht angedeutet.

Den Kamm wünschen wir als kleinen Erbsenkamm und in einen kleinen Dorn auslaufend. Er sollte der Biegung des Nackens folgen. 

Die hochgezogenen Kämpferschultern sind bei unserem Shamo besonders ausgeprägt. Der Körper verjüngt sich nach hinten. Die Flügel sollen dicht anliegend getragen werden. Entsprechend der steilen Haltung wird der Schwanz unter der Waagerechten getragen. Die Schenkel wirken wie vom Körper ausgerissen, sie sind mehr als mittellang, muskulös, zu den Läufen leicht gewinkelt, also nicht so durchgedrückt wie beim Malaien. Die Läufe sind kräftig und mit starken scharfen Sporen ausgestattet. Die Lauffarbei ist goldgelb bis weidengrün.

Das Gefieder ist sehr knapp, sodass von der Brust zum Bauch eine breite Zone nicht befiederter roter Haut sichtbar wird. Auch sonst zeigt die spärliche Befiederung nackte Hautstellen. Die roten Flügelknochen sollen am Rücken sichtbar sein.

Detering, Wilfried: Kämpfer und Zwerg-Kämpfer der Welt, Reutlingen 2004.

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